Die lukrative Heimlichkeit der Landgrabber

Wiener Zeitung | 15 Septemberr 2011


Von Ronald Schönhuber

Wien. Die Hungerkrise in Ostafrika hat auch ein Problem ins Blickfeld gerückt, das in vielen Fällen gerne unter den Teppich gekehrt wird: Ausländische Firmen kaufen Ackerland in Afrika und verdrängen die einheimische Bevölkerung. Nyikaw Ochalla war früher für das äthiopische Außenministerium tätig und arbeitet heute für die "Anuak Survival Organisation". Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Landgrabbing.

Wiener Zeitung:Wie schwerwiegend ist das Landgrabbing-Problem heute in Afrika?

Nyikaw Ochalla: Ich glaube, dass die Situation sehr besorgniserregend ist. In den vergangenen Jahren haben die Regierungen in Afrika enorme Mengen Land an ausländische Unternehmen verkauft oder verpachtet. Über die lokale Bevölkerung, die seit Generationen auf diesem Land gelebt hat, hat man sich dabei einfach hinweggesetzt.

Was sind die Folgen für die lokale Bevölkerung?

Land zählt zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen. Wie leben auf dem Land, wir ernähren uns vom Land und wenn wir sterben, werden wir auf unserem Land begraben. Wer in traditionellen, auf Subsistenzwirtschaft basierenden Gesellschaften kein Land besitzt, besitzt überhaupt nichts. Wenn man Land an ausländische Inverstoren vergibt ohne den Nahrungsbedarf der einheimischen Bevölkerung zu berücksichtigen, verletzt man damit deren Menschenrecht auf Nahrung.

Von China weiß man mittlerweile, dass es gerne in Afrika investiert. Welche Länder sind noch auf Einkaufstour?

In Afrika haben auch viele europäische Firmen Land gekauft, um Biosprit zu produzieren. In Äthiopien züchten holländische Unternehmen Blumen für den Export. Einer der größten Landgrabber in Äthiopien ist aber ein indisches Unternehmen namens Karaturi, das sich in der Gambella-Region 300.000 Hektar (entspricht etwa der achtfachen Fläche Wiens, Anm.) an Farmland gesichert hat. Daneben zählen auch Unternehmen aus Saudi-Arabien zu den großen Fischen.

Wie viel Land wurde bisher in Äthiopien vergeben?

Ich schätze, das werden rund 2,6 Millionen Hektar sein. Weitere 1,3 Millionen Hektar warten aber bereits auf kaufkräftige Investoren.

Über diese Geschäfte sprechen aber weder Investoren noch Verkäufer gerne.

Die offiziellen Dokumente über die Landverkäufe gelangen fast nur dann an die Öffentlichkeit, wenn sie von Regierungsmitarbeitern heimlich veröffentlicht werden. Diese Dokumente umfassen aber zumeist nur wenige Seiten und sind sehr kryptisch gehalten. Auflagen für die ausländischen Firmen gibt es dabei so gut wie keine. Weil diese Verträge für die lokale Bevölkerung große Schäden bedeuten, will die Regierung sie auch nicht öffentlich machen. Und auf gar keinen Fall soll sich Landgrabbing zu einer politischen Debatte auswachsen, denn dadurch könnte der Ruf der Regierungen auch auf internationaler Ebene nachhaltig beschädigt werden.

Wem das Land gehört, steht ja oft nirgends geschrieben.

Dadurch wird die Situation nochmals komplexer. Die Frage des Landbesitzes wird in den einzelnen Regionen Äthiopiens unterschiedlich geregelt. Gemeinsam ist allen aber, dass es nie eine ordentliche Registrierung des Besitzes gab und der Staat letztlich für sich in Anspruch nimmt, dass ihm alles gehört. Die Menschen betrachten das Land, das sie seit Generationen bewirtschaften, aber als ihr Eigentum. Es ihnen wegzunehmen, ist falsch.

Aber gibt es in so großen Ländern nicht riesige Flächen ungenutzten Landes, das man gewinnbringend verkaufen könnte?

Die Regierungen versuchen den Eindruck zu vermitteln, dass das Land ungenutzt ist. Das ist falsch. Es sind Weidegründe oder Wälder, in denen die Menschen seit Jahrhunderten auf Nahrungssuche gehen.

Kann man dem Landgrabbing nicht auch positive Aspekte abgewinnen? Es werden Arbeitsplätze geschaffen und Straßen gebaut, mitunter versprechen die Investoren auch neue Schulen.

In Kenia ist das manchmal Bestandteil der Verträge, in Äthiopien gibt es sowas nicht. Und laut dem aktuellen Weltbankreport findet auch so gut wie niemand aus der lokalen Bevölkerung einen Job auf den ausländischen Farmen.

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Äthiopien wird verscherbelt

Als Folge der Dürre herrscht weiterhin Nahrungsmittelmangel. Dennoch werden von der Regierung Anbauflächen an Ausländer zu Schleuderpreisen vergeben.

Kurier | 15 september 2011

http://kurier.at/nachrichten/4152053.php

Zuletzt verschwand die verheerende Dürre-Katastrophe am Horn von Afrika im Osten des Kontinents aus den Schlagzeilen - dennoch bleibt sie für Abermillionen Familien bittere Realität. "Die Leute verlieren weiter ihre Herden und damit ihre Lebensgrundlage, weil sie das Vieh nicht tränken können. Allein in meinem Heimatland Äthiopien sind vier bis fünf Millionen Menschen auf Hilfe von außen angewiesen", sagt Nyikaw Ochalla von der "Anuak Survival Organisation", einer NGO mit Hauptsitz in London. Insgesamt würden von den rund 85 Millionen Einwohnern des Landes 13 Millionen hungern.

Besonders hart treffe es die somalisch-stämmigen Äthiopier. "Weil die Regierung sie als Unterstützer von Terroristen ansieht (der Nachbarstaat Somalia wird weitgehend von Islamisten kontrolliert) , erhalten sie keinerlei staatliche Hilfe und müssen von internationalen Organisationen durchgefüttert werden", klagt der Aktivist im KURIER-Gespräch.

Ein anderer Vorwurf des 46-Jährigen an die Zentralgewalt in Addis Abeba wiegt mindestens ebenso schwer: Trotz der Hunger-Misere und des akuten Nahrungsmittelmangels würden Millionen Hektar fruchtbarer Anbauflächen zu Schleuderpreisen an Staaten und ausländische Konzerne verscherbelt. 3,9 Millionen Hektar sollen es im Endausbau sein - das entspricht rund der Hälfte Österreichs. 2,6 Millionen Hektar seien bereits vergeben - zu Pachtpreisen zwischen vier und sieben Euro pro Hektar.

Nur für den Export

"Die Investoren kommen aus Europa, China, Malaysia, Israel oder den USA und produzieren fast ausschließlich für den Export - Reis, Blumen oder Zuckerrohr", sagt Nyikaw Ochalla, der auf Einladung der Organisationen Südwind, FIAN und des Renner-Instituts in Wien war. Die angestammte Bevölkerung werde vertrieben und verliere ihre Lebensgrundlage, führt der Äthiopier aus, der ein Experte in Sachen Landraub (land grabbing) ist. "Das ist ein krimineller Akt der Regierung." Die Neuansiedlungen der Betroffenen in oft unfruchtbaren Regionen nennt er "Konzentrationslager".

Die Menschen dort könnten ohne (Nahrungsmittel-)Hilfe nicht überleben, der Migrationsdruck, auch Richtung Europa, würde steigen. Dass der Vorstoß von Staaten oder internationalen Investoren in die Weiten des afrikanischen Kontinents nicht sofort und gänzlich zu stoppen ist, weiß auch Nyikaw Ochalla. In diesem Zusammenhang fordert er aber klare Regeln für derartige Transaktionen, die derzeit alles andere als transparent über die Bühne gehen. "Genauso wichtig ist aber der Dialog mit den Menschen, die jahrhundertelang das Gebiet besiedelt haben."

 

Wiener Zeitung
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