Sierra Leones Hungerfalle
Published: 19 Jul 2011
Posted in:  Addax | Sierra Leone | Switzerland
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Neues Deutschland | 19.07.2011
Die Bulldozer sorgen für freie Fahrt für die Ethanolproduktion in Sierra Leone (Foto: ddpi).

Bauern in Sierra Leone haben ihr Land an die Schweizer Firma Addax Bioenergy zur Herstellung von Ethanol verpachtet. Im Austausch für Arbeitsplätze und Entwicklungshilfe. Doch nun hält das Unternehmen seine Versprechen nicht ein. Dörfler hungern inmitten der Erntezeit.

Wo sich einst bunte Felder über die sanften Hügel der Savanne zogen, befindet sich heute eine riesige Baustelle. Das Land wird für eine großflächige Zuckerrohrplantage der Firma Addax gerodet und neu bepflanzt. Ab 2013 will das Unternehmen jährlich 90,000 Kubikmeter Biosprit herstellen. Hauptsächlich für den europäischen Markt.

Den einheimischen Bauern der Makeni Region im Norden Sierra Leones wurde versprochen sie können sich mit dem angebotenen Ersatzland versorgen. Zusätzlich sollte die Ethanolherstellung 4.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Auch Schulen, Gemeindezentren und Kliniken wurden zugesichert. Das Angebot war verlockend. Die Bauern verpachteten Addax 57 000 Hektar über 50 Jahre. Doch nur wenige Monate nach Unterzeichnung der Verträge erwachten sie zu einer bösen Realität: sie haben die fruchtbarsten Ländereien und damit ihre traditioneller Einnahmequelle verloren, doch die Jobs sind ausgeblieben.

»Die Versprechen waren ein großer Anreiz für die Bauern, ihr Land aufzugeben. Nun stehen sie mit leeren Händen da«, sagt Sheku Mansaray, Geschäftsführer des Sierra Leone Verbands für Erwachsenenbildung (SLADEA), der sich für die Rechte der Bauern einsetzt.

Die Bauern, die oft weder lesen noch schreiben können, hätten Pachtverträge unterschrieben, ohne deren Inhalt genau zu kennen. Zwar wurden sie von Anwälten beraten. Doch später stellte sich heraus, dass diese von Addax bezahlt worden waren. »Wir haben Beweise, dass es sich nicht um informierte Einverständniserklärungen handelte«, klagt Mansaray.

Das Sierra Leone Netzwerk für Nahrungssicherheit (SiLNoRF), zu dem SLADEA gehört, hat nun mit Unterstützung von Brot für die Welt Deutschland, Brot für Alle Schweiz und dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) eine unabhängige Studie durchgeführt, um die Beschwerden der Bauern zu überprüfen. Das Ergebnis war eindeutig. »Es handelt sich um einen klaren Fall von Landraub«, bestätigt EED Agrarhandelsexperte Francisco Mari. »Addax scheint viele der vertraglich festgelegten Versprechen nicht einzuhalten.« Die Ethanolherstellung bedrohe den Zugang zu Ackerland, Trinkwasser und verletze das Recht auf Nahrung.

Landwirtschaft ist die wichtigste Einnahmequelle der Menschen in Sierra Leone. Drei Viertel der 5.3 Millionen Einwohner des westafrikanischen Landes sind Bauern und erwirtschaften die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts.

Im Nachhinein können die Bauern kaum gegen die ungerechten Verträge angehen. »Es kann nur in London, dem Sitz der Addax Muttergesellschaft, gegen die Pachtverträge geklagt werden. Das ist natürlich für Kleinbauern aus Sierra Leone unmöglich«, sagt Mari.

Die Situation der Bauern der Makani Region, die rund 150 Kilometer nordöstlich Sierra Leones Hauptstadt Freetown liegt, ist kein Einzelfall. Der Beschluss der EU, seit dem 1. Januar 2011 Benzin mit einer Beimischung von bis zu zehn Prozent Bioethanol einzuführen, hat zu steigendem Bedarf an großen Landflächen in zahlreichen afrikanischen Ländern geführt, unter anderem Kenia, Mosambik, Mali und Senegal.

In den zwölf Dörfern der Makeni Region mussten Einwohner tatenlos zusehen wie Addax ihr Land zur Ethanol Herstellung ebnete, aber die übriggebliebenen 2.000 Hektar Gemeindefelder, die es zur Nahrungsmittelversorgung bepflanzen sollte, zu lange brach liegen ließ. Heftige Ernteausfälle waren die Folge. »Für die Regenzeit befürchten wir Hunger in der Region«, warnt Brot für die Welt Kampagnenkoordinatorin Karen Neumeyer. Davon werden 14 000 Menschen betroffen sein.

Die SiLNoRF Studie erhebt zudem schwere Vorwürfe gegen Addax, Einwohner von Wasser abzuschneiden. Die Firma hat sich vertraglich das Recht eingeräumt, die Wasserläufe des Rockei, des größten Flusses des Landes, zu ändern, aufzuhalten oder deren Zugang zu begrenzen. »Die Umleitung zweier Zuflüsse haben in einem der Dörfer die Bäche versiegen lassen«, sagt Neumeyer. An anderen Orten sei das Wasser verschmutzt.

Wenn die Zuckerrohrfelder angelegt und die Ethanolfabrik, Kraftwerk und Bewässerungsanlagen gebaut sind, wird Addax bis zu sieben Kubikmeter Wasser pro Sekunde während der Trockenzeit pumpen, wenn der Fluss am niedrigsten ist. Dann wird es sogar noch weniger Wasser für die Dörfler geben. Die Einwohner fühlen sich außerdem um die versprochenen 4000 Arbeitsplätze betrogen. Bislang wurden nur 600 Kurzzeitjobs vergeben. »Niemand ist länger als zwei bis drei Monate beschäftigt«, sagt Mansaray.

Addax behauptet, die Arbeitsplätze müssen erst noch geschaffen werden. Für den Bau der Ethanolfabrik und des Kraftwerks sollen mehr als 2000 Leute eingestellt werden. Doch Mansaray glaubt, auch dann werden die Dörfler nicht profitieren. »Für solche Jobs braucht man technische Fähigkeiten, die Kleinbauern nicht haben. Addax wird die Arbeitsplätze an qualifizierte Leute von außerhalb vergeben«, befürchtet er.

Der EED, Brot für die Welt und Brot für Alle fordern nun eine Überprüfung des Projekts nach menschenrechtlichen Standards. »Betroffene müssen zumindest so beteiligt werden, dass ihre Lebensumstände nicht gefährdet werden«, erklärt Mari. Addax beharrt darauf, es habe ein rechtmäßiges Konsultationsverfahren durchgeführt. »Wir haben über mehr als zwei Jahre intensive Dialoge mit Landbesitzern, Gemeinderäten, Landesbehörden und Vertretern der Zivilgesellschaft geführt«, sagt Geschäftsführer Nikolai Germann in einer Mitteilung.

EED, Brot für die Welt, Brot für Alle und SiLNoRF verlangen daher, dass sich Addax erneut mit den Landbesitzern und Kleinbauern an den Verhandlungstisch setzt, um sich auf einen gerechteren Deal zu einigen. »Zumindest einige der Klauseln müssen geändert werden«, fordert Mansaray. Doch bislang bleibt Addax stumm.